Facebook inklusiv – Wie barrierefrei ist der Social-Network-Riese?

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Den folgenden Beitrag habe ich am 23. November 2012 im Original als Gast-Blog für Web 2.0 im Unternehmen geschrieben. Hier der Link zum Blog-Post:  http://www.web-zweinull-unternehmen.de/2012/11/23/facebook-inklusiv-wie-barrierefrei-ist-der-social-network-riese/

Facebook inklusiv – Wie barrierefrei ist der Social-Network-Riese?
Der Zugang zu sozialen Netzwerken scheint denkbar einfach: immerhin haben bereit mehr als 24 Millionen Nutzer in Deutschland ihren Weg zu Facebook gefunden und verfügen über ein aktives Nutzerprofil.[1] Völlig selbstverständlich loggen sich viele User mehrmals täglich in Ihre Social Media Accounts ein und genießen die oft beschriebenen Vorteile des Web 2.0.
Welche Auswirkungen hat der Einsatz von Social Media aber auf Menschen mit Behinderungen? Mit welchen Einschränkungen in der Anwendung sozialer Netzwerke müssen beispielsweise sehbehinderte Menschen zu Recht kommen? Wird ein bestimmter Personenkreis aus den sozialen Netzwerken, Micromedia oder Blog Plattformen ausgeschlossen, weil sie diese Internetangebote nicht oder nur mühsam bedienen können? Diesen Fragen ging der münsteraner Club F/C/B (Frauen, Computer, Behinderung), im Rahmen des Aktion Mensch Projekts „Was bedeuten soziale Netzwerke für die Inklusion von Menschen mit Behinderung„, auf den Grund.

Inklusion

Am 19. Dezember 2008 ratifiziert der deutsche Bundesrat die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen.[2] Auf der UN-Generalversammlung in New York verabschieden die EU und 100 weitere Staaten das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“, mit dem Ziel der uneingeschränkten Chancengleichheit für Menschen mit Behinderung. Diese Ziel erstreckt sich über sämtliche Teilbereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Davon betroffen ist auch die interaktive, virtuelle Gemeinschaft. Was verstehen wir in der allgemeinen Definition unter dem Begriff „Inklusion„?

Facebook: Exklusion, Separation, Integration, Inklusion

Unter dem Begriff Inklusion wird die rechtliche Gleichheit in Verbindung mit der uneingeschränkten gesellschaftlichen Teilhabe behinderter Menschen verstanden. Der Mensch mit Behinderung hat trotz seiner individuellen Einschränkungen die Möglichkeit zur vollständigen Partizipation an allen Angeboten (Arbeit, Bildung, Freizeit, Konsum, Leben in der Gemeinschaft) der Gesellschaft.[3]
Die Inklusion im pädagogischen Sinne unterscheidet sich insofern von der Integration, als dass eine strukturelle und organisatorische (Wieder-)Eingliederug Außenstehender in einer inklusiven Gesellschaft unnötig ist, da Exklusion und Separation im Vorfeld nicht stattgefunden haben.
Im Rahmen der Inklusion wird eine Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung also von vornherein vermieden. Die erfolgreiche Inklusion macht Integration im ursprünglichen Sinn überflüssig, da die gesellschaftlichen Strukturen grundsätzlich in allen Bereichen barrierefrei sind.

Barrierefreiheit

Sehschwäche

Schon auf den ersten Blick fällt auf das die Menüführung auf Facebook recht kontrastarm aufgebaut ist. Das soziale Netzwerk setzt für’s eigene Layout ein, was im Rahmen eines barrierefreien Webdesign ein absolutes No-Go ist: statt auf Übersichtlichkeit durch starke Kontraste zu setzen, baut man auf dezente Farbvariationen. Den 100% Sehenden stellt das sicher vor keine größeren Herausforderungen – im Gegenteil: das gewählte Design spricht an und hat sich durchgesetzt. Vor allem die teilweise versteckten Kontextmenüs stellten die Probanden im Rahmen ihrer Projektarbeit vor Herausforderungen – aber dieses Problem kennen wir wohl alle aus unseren ersten „Gehversuchen“ bei Facebook!? Wer eine Sehschwäche oder eine Sehbehinderung hat muss sich Hilfsmitteln (Software zum Vorlesen oder zur Bildschirmvergrößerung) bedienen. Die Softwarelösungen erleichtern zwar den Zugang, ermöglichen aber keinen barrierefreien Zugang.

Motorische Einschränkungen

Da Menüpunkte und Symbole bei Facebook oft eng beieinander liegen, ist die Koordination der korrekten Befehle für motorisch beeinträchtige Menschen eine große Hürde. Kleine Symbole erschweren die Bedienung ebenso wie die teilweise nur kurzzeitig sichtbaren Kontextmenüs. Selbst mit unterstützenden Hilfsmitteln fällt es schwer im Menü zu navigieren. Eine Hilfe bieten hier einige Shortcuts, die je nach eingesetztem Browser etwas unterschiedlich aussehen. Wer sich die wichtigsten Tastenkombinationen einprägt ist aber schnell in der Lage gewisse Menüpunkte direkt anzusteuern – also sicher für jeden Nutzer eine Hilfe.
Shortcuts

Alt + # (IE) / Umsch + Alt + # (Firefox PC) / Strg + # (Safari und Firefox Mac) / Strg + Alt + # (Chrome)

  1. Start
  2. Profil / Chronik
  3. Freunde
  4. Posteingang
  5. Benachrichtigungen
  6. Kontoeinstellungen
  7. Privatsphäre
  8. Über uns
  9. Nutzungsbedingungen

Lernschwächen

Die Nutzung sozialer Netzwerke ist auch für Menschen mit Lernschwächen oder Lernbehinderungen möglich. Allerdings erfordert die virtuelle Teilhabe ein wenig Zeit, denn Facebook besticht nicht durch Formulierungen in leichter Sprache (wie sie u. a. vom Netzwerk Leichte Sprache gefordert wird). Leichte Sprache soll im Allgemeinen die Verständlichkeit von Texten für jeden Leser vereinfachen – eine Forderung von der sich auch der ein oder andere Journalist gern eine Scheibe abschneiden kann. Wenn auf Fachbegriffe und Anglizismen nicht verzichtet werden kann, stehen teilweise aber auch Nutzer ohne Lernschwierigkeiten vor Problemen. Wer Verständnisprobleme hat, muss vor allem nach den ersten Logins ein wenig mehr Zeit mitbringen, findet sich dann aber schnell zu Recht.

Förderung der Teilhabe am sozialen Leben

Nachdem wir also festgestellt haben, dass Facebook sicher nicht umfassend barrierefrei aber dennoch auch für Menschen mit Einschränkungen zugänglich ist, drängt sich die Frage auf, ob die inklusive Teilhabe durch soziale Netzwerke gefördert werden kann.

Selbstbestimmung

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke für jeden gleich sind. Dabei wird kein Unterschied zwischen Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung gemacht, so dass jeder Nutzer von den vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten der Social Networks profitieren kann. Großer Vorteil der schriftlichen Kommunikation ist die zeitliche Unabhängigkeit, die es jedem Nutzer möglich macht sein eigenes Tempo, entsprechend seiner Fähigkeiten, zu wählen. Ebenso hohes Gewicht hat der Faktor „Selbstbestimmung“, denn auch mit fortgeschrittener pädagogischer Entwicklung und dem Paradigmenwechsel im Bereich der Behindertenhilfe sind viele Menschen mit (geistiger) Behinderung häufig aufgrund ihres Unterstützungsbedarfs fremdbestimmt und werden (durch Eltern, Betreuer, Pädagogen) bevormundet. Im sozialen Netzwerk bestimmt der User selbst an welchem Inhalt er partizipiert (user-generated-content), wann er es tut und in welcher Form sich der Nutzer beteiligt.

Virtuelle Teilhabe

Jede Art von Social Media ist Orts-unabhängig zu bedienen und ermöglicht so die ungebundene virtuelle Teilhabe. Vor allem für den Kreis der mobilitätseingeschränkten Personen ist dieser Vorteil nicht von der Hand zu weisen. Während sich der deutsche Geschäftsmann über die Video-Konferenz mit Asien freut, ist es für den Rollstuhlfahrer aus Bielefeld schon ein Gewinn, wenn er nicht die Stadtbahn nutzen muss um zu einer Besprechung zu fahren (die Stadtbahn ist nur an einigen Haltestellen barrierefrei zugänglich). Auch Vorträge können online besucht werden, ohne des es hierzu unter Umständen einer Pflegekraft bedarf, die einen Menschen mit Behinderung bei der Vorbereitung unterstützt.

Rolle der Behinderung im virtuellen Raum

Wer kennt es nicht aus eigener Erfahrung oder aus eigenen Beobachtungen: Menschen mit Behinderung werden im Alltag anders behandelt als Menschen ohne Behinderung. Oft findet bei der Wahrnehmung einer Behinderung eine (bewusste oder unbewusste) Bewertung statt, die sich zum Beispiel in Form von Mitleid äußert. Wir gehen unterschiedlich miteinander um.
Im virtuellen Raum sind die meisten Behinderungen jedoch nicht gleich ersichtlich. Das ist nicht zuletzt davon abhängig, wie offen ein Mensch mit Behinderung selbstbestimmt mit seinem Handicap umgeht. Grundsätzlich wird durch den Einsatz sozialer Netzwerke ein unbefangener Umgang gefördert. Die Behinderung selbst ist im virtuellen Raum zunächst zweitrangig.

Inklusion statt Exklusion

Zusammenfassend ist festzustellen, dass soziale Netzwerke der Inklusion sicher dienlich sein können, da eine uneingeschränkte Teilhabe unabhängig von einer Behinderung grundsätzlich möglich ist. Eine vollständige Partizipation erfordert aber unter Umständen eine zeitintensive Auseinandersetzung mit den technischen Möglichkeiten der Social Networks. Dabei ist der barrierefreie Zugang von Facebook nur bedingt möglich, da die Vorraussetzungen für einen behinderungsunabhängigen Zugang nur eingeschränkt mit Hilfsmitteln gegeben sind. Unterstützung bieten Shortcuts oder der Besuch der „abgespeckten“ mobilen Facebook-Version.
Während die Inklusion in vielen gesellschaftlichen Bereichen an ihre Grenzen stößt, weil das gesellschaftliche Umdenken nicht flächendeckend stattfindet, besteht im Bereich der Social Media die Hoffnung, dass die Inklusion durch innovative Entwicklungen unterstützt werden kann. Oberstes Ziel sollte hier zunächst die Schaffung eines möglichst barrierefreien Zugangs sein.

[1] Roth, P. (2012). Fast 25 Millionen Nutzer in Deutschland – Aktuelle Facebook Nutzerzahlen für November 2012. Abgerufen am 23. November 2012 von http://allfacebook.de/news/nutzerzahlen-november-2012/ [2] Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie zu dem Fakultativprotokoll vom 13. Dezember 2006 zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen vom 21.12.2008. BGBl I S. 1419. [3] Vgl. Schwalb, H.; Theunissen, G. (Hrsg.) (2009). Inklusion, Partizipation und Empowerment in der Behindertenarbeit. Stuttgart: Kohlhammer 2009, S. 7

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